Erste Bilanz des Mittelstands

Fachkräftemangel: Unternehmen drohen horrende Umsatzverluste

Dem deutschen Mittelstand fehlt gut ausgebildetes Personal. Am stärksten betroffen ist das Transportwesen. Auch strukturelle Probleme treffen die Konzerne.

Der Fachkräftemangel entwickelt sich für viele Konzerne zu einem echten Problem. Was vor einigen Jahren als vorsichtige Forderung an die Politik herangetragen wurde, zeigt jetzt seine wahre Dynamik. Dem Mittelstand entgehen durch das Fehlen gut ausgebildeten Personals Umsätze in Milliardenhöhe. Eine Auswertung des European Private Business Surveys beziffert die Ausfälle auf rund 65 Milliarden Euro. Das entspricht knapp 2 Prozent des inländischen Bruttoinlandprodukts. Bezogen auf die EU belaufen sich die Verluste im Mittelstand, laut der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC, sogar auf 270 Milliarden Euro.

Im Rahmen des EPBS wurden in 31 Ländern 2500 mittelständische Privatunternehmen befragt. 14,5 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, mehr als fünf Prozent Umsatzausfälle hinnehmen zu müssen, weil sie für die Abarbeitung gestellter Auftragsanfragen fachgerecht ausgebildetes Personal fehlen würde. In Deutschland beläuft sich diese Art der Ausfälle auf 14,6 Prozent. Die BRD liegt nach diesen Angaben im europäischen Mittelfeld.

Logistikbranche leidet, Sorgen in allen Branchen

In Deutschland entgehen von 100 Speditionen 29 Betriebe mehr als 5 und 14 mehr als 10 Prozent realisierbaren Umsatzes. Übersetzt bedeutet dieser Umstand das Fehlen von mehr als 45.000 Lastwagenfahrern. Weniger betroffen zeigt sich der Einzelhandel. Hier bestehen die geringsten Schwierigkeiten mit fehlendem Personal.

Branchenübergreifend wird der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften als größtes Wachstumsrisiko wahrgenommen. Für 60 Prozent der deutschen Mittelständler ist fehlendes Personal eine der größten Zukunftssorgen. Ähnliche Bedenke äußern sich auch die Unternehmer in Tschechien (81 Prozent), Rumänien (71), Bulgarien, Malta und Frankreich (59 Prozent). Im östlichen Raum Europas wird vorwiegend fehlendes Personal mit solider Berufsausbildung als Mangelerscheinung aufgeführt.

Streitpunkt Infrastruktur und Bürokratie

Neben dem Fachkräftemangel benennen die Unternehmen das Thema der nationalen Infrastruktur als weiteren Grund zur Sorge. „Während aber in Deutschland andere Hochschulstudiengänge oder der Ausbau der schnellen Digitalnetze gefordert werden, sind es in Osteuropa eher die Basisfunktionen wie Gesundheitswesen oder bessere Straßen, die von den Unternehmen eingefordert werden“, so Peter Bartels, Vorstand für Familienunternehmen und Mittelstand bei PWC Europe, in einem Gespräch mit der FAZ. Nach Bartels seien die aufgeführten Lücken im Bildungssystem durch höhere Flexibilität zu beheben. In China, Singapur oder Amerika würden etwa Studiengänge schneller auf neue Herausforderungen der Wirtschaft angepasst als hierzulande.

Ein weiteres Wachstumshindernis sei die Bürokratie. Vor allem staatliche Regelungen wie das Entgeltgleichstellungsgesetz oder die Datenschutzgrundverordnung seien nur mit hohem Aufwand zu bewältigen.